Donnerstag, 9. Juni 2011

Bilderberg St. Moritz

Treffen in einem Sanatorium, das kurz vor dem Ersten Weltkrieg (1912) errichtet wurde: Die Bilderberger treffen sich dieses Jahr in der Schweiz, dort, wo sich um 1900 europäische Intellektuelle zusammenfanden und schon einmal über eine neue Weltordnung nachdachten. Damals waren sie an Tuberkulose erkrankt und hatten viel Zeit über eine zukünftige Gesellschaft nachzudenken. Sie lasen Nietzsche, Langbehn – und philosophierten. Die ganze Moderne hat eine ihre Wurzeln in den alpenländischen Sanatorien.

Kritische Informationen zum Treffen unter wearechange.ch oder bei Freeman.

Mittwoch, 8. Juni 2011

Frank Lloyd Wright - und das Scheitern der Moderne




Soeben im Internet gefunden: Ein lesenswerter Post über Frank Lloyd Wright, geschrieben vom Bremer Kollegen Silvae. Über Wright, Voysey und die "Enthaltsamkeitsarchitektur". Silvae endet mit einem ernüchternden Fazit:
"So schön und so richtig das alles ist, was er (F.L. Wright)  in A Testament sagt, was ist aus der Vision in der Realität geworden? Hat die Architektur jemals in der Praxis ihre schönen statementseinlösen können? Tom Wolfe hat in seinem wunderbaren Buch ▷From Bauhaus to Our House nichts Gutes über die Päpste der modernen Architektur zu sagen. Und Prince Charles mit seinen Ansichten über die moderne Architektur wollen wir jetzt lieber nicht erwähnen. Wright hat für eine gutbetuchte Elite gebaut. So long, Frank Lloyd Wright. Für den Rest von Amerika bleibt aber nur eine seelenlose, konforme Architektur."
So ist es. Der Weg der Moderne, die der Architektur eine neue Bedeutung, einen wahrhaftigen Inhalt geben wollte, mündete in einer dramatisch schlechten Architektur, in verdorbenen Vorstädten, in Architekturen, die nach drei oder vier Jahrzehnten wieder abrissreif sind. Er mündete in einer Auflösung jeder Bedeutung. Es liessen sich weitere Bücher nennen, wie die von Jane Jacobs oder Alexander Mitscherlich, die sich kritisch mit der Moderne auseinandersetzen. Und unbedingt ansehen: Koyaanisqatsi setzt sich als Film mit der Moderne auseinander - faszinierend und ernüchternd (siehe oben, Trailer).Letztlich ist es wohl der richtige Weg, den Leon Krier, der Berater von Prince Charles, uns aufzeigt: Ein neuer Historismus ist beim Publikum erfolgreicher als jede moderne Architekturstrategie. Und ist es ein Fehler, wenn Architektur den Menschen gefällt?
Allerdings muss man Wright und Voysey auch in Schutz nehmen. Sie gelten zwar als Vorreiter der Moderne, sie haben es aber dennoch verstanden, den modernen Anspruch der Architektur (Bedeutung, Wahrhaftigkeit) mit den Bedürfnissen der Bewohner und auch der Betrachter auszugleichen. Sie hatten noch eine Gabe, auf die eine nachfolgenden Generation (Gropius, Mies van der Rohe) verzichten zu können glaubte.

Dienstag, 7. Juni 2011

Sanatorium Apolant


In Bad Kissingen verfällt seit vielen Jahren ein Bau des Architekten Paul Schultze-Naumburg (Schloss Cecilienhof, Potsdam), das ehemalige Sanatorium Apolant. Alle Pläne, es neu zu nutzen, konnten bislang nicht verwirklicht werden. Das Gebäude (etwa 1910) verkommt jedes Jahr mehr. Hier einige Bilder.




alle Fotos: (c) Nils Aschenbeck



Freitag, 3. Juni 2011

Stadt im Abbruchwahn

Gewohntes Bild: Baustellen in Lugano (Foto: Lena Kornyeyeva)

In der Neuen Zürcher Zeitung können wir heute lesen, wie Lugano sein historisches Erbe entsorgt. Die Stadt wird immer hässlicher. Villen aus dem 19. Jahrhundert müssen einer Überbauung mit gleichförmigen Appartement bauten oder mit Bürohäusern Platz machen. Das Geld regiert. Mitverantwortlich ist ein Stadtpräsident, der selbst Architekt ist - und nicht zuletzt ein Interesse an vielen Neubauten hat.

Dienstag, 31. Mai 2011

häßliche Architektur: Beispiel Zürich

Ausgerechnet "Sonnengarten" heißt die Genossenschaft, die ein umwerfend grausiges Mehrfamilienhaus in Zürich realisiert, dass abweisender und, ja, häßlicher kaum sein könnte. Warum entwerfen Architekten solche Häuser? «Der Bau wird bereits als moderner ostdeutscher Plattenbau bezeichnet» sagen die Nachbarn. Siehe Artikel im Tagesanzeiger Zürich

Brandmauer

Foto: (c) Nils Aschenbeck

Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert sind Städte keine Einheiten mehr, keine Gesamtkunstwerke, keine abgestimmten, komponierten Gebilde. Sie sind chaotische Räume. Die Brandmauer wird zum bestimmenden Merkmal der modernen Stadt. Die Brandmauer ist die Bruchzone zwischen verschiedenen Stadtkonzepten. Die Brandmauer erscheint, wenn ein Altbau Neuem weichen muss – damit in eine bestehende Bebauung ein Neubau eingefügt werden kann. Brandmauern entstehen aber auch, wenn neue Straßen durch alte Quartiere gezogen werden. Schon Fontane schreibt in seinem Stechlin von einer Brandmauer in Berlin – an der eine große Werbung für Ersatzkaffee gespannt ist. Und in dem Billy-Wilder-Meisterwerk "Menschen am Sonntag", der in Berlin im Jahr 1930 spielt, sieht man in wilden Kamerafahrten die Berliner Brandmauern, auf die natürlich Werbebotschaften aufgemalt sind.
Eine besondere Brandmauer ist in Bremen an der Bismarckstraße zu finden (siehe Foto). Der Baumeister des Reihenhauses, hier: des Endhauses, wusste wohl nicht, ob es eine anschließende Nachbarbebauung geben wird. Oder er war einfach zu faul, um eine Ecklösung zu entwerfen. Aber in dem großbürgerlichen Quartier, das immerhin architektonische Einheit vorgeben sollte, durfte auch keine profane Brandmauer entstehen. Deshalb wurde sie verkleidet - mit einer eindrucksvollen Blendfassade. Nur an einer kleinen verbliebenen Ecke hat es dann doch eine Werbung geschafft, die Brandmauer zu besetzen. 

Dienstag, 24. Mai 2011

Draussen trinken - Mediterranisierung

In den Städten grassiert die »Mediterranisierung«, konnte man jetzt im Fernsehen lernen. Die Menschen verbringen ihre Abende und Nächte gerne draussen, treffen sich auf Plätzen, trinken Bier und lärmen. Anwohner sind verzweifelt, Ordnungsbehörden weitgehend machtlos.
Diese Tendenz, das Leben auf die Straße zu verlagern, ist seit etwa drei Jahrzehnten zu beobachten. Während es noch in den 1970er Jahren kaum Straßencafés gab (nur Biergärten waren eine Ausnahme), verlangen die Kunden heute von jeder Gastronomie ein Freiluft-Angebot. Ist es der Klimawandel, der die Menschen an die frische Luft lockt? Oder sind es die Rauchverbote in geschlossenen Kneipen und Restaurants, die ein Treffen im Freien attraktiver machen? Ich denke, die Mediterranisierung ist eine Errungenschaft der Globalisierung. Dass, was die Menschen im Urlaub positiv erleben, in Spanien, Griechenland oder Italien, das wollen sie in ihr privates Umfeld übertragen. Es ist also ein Prozess, der in der Nachkriegszeit begonnen hat und der sich immer weiter fortsetzt, der auch immer breitere Bereiche der Gesellschaft erfasst. In Bremerhaven wurde er vor zwei Jahren kommerzialisiert: dort steht das Einkaufszentrum »Mediterraneo«, das die neu gewachsenen Bedürfnisse der Menschen gezielt abfängt - mit einer pseudo-italienischen Kulissenlandschaft.